7. Sep, 2016

Aus dem Archiv - Sommer 2006

 

Sommeraktivitäten  eines Sportmasseurs

 

  1. ISAF-World-Sailing-Games: (10.-20.5.06 Neusiedler See/Österr.)

Die SeglerInnen hatten zum Großteil keine Ahnung, was ein Sportmasseur zu tun hat. D.h.: die erste Zeit (2 – 3 Tage) musste ich Überzeugungsarbeit leisten, dass doch wer massieren kommen sollte – Unverständnis war sehr groß.

Fall I: Eine britische Seglerin hatte nach einer Wettfahrt einen sehr großen Bluterguss am Unterarm und wusste nicht, was zu tun sei, ich überredete sie mühsam, dass sie zu mir kommen sollte bzw. kommen könne; zwei mal manuelle Lymphdrainage sowie ein Salbenververband, Ergebnis: am nächsten Tag konnte sie schmerzfrei an den Start gehen, während des Wettkampfes besuchte sie mich dann regelmässig und konnte ohne sichtbaren Bluterguss nach Hause fahren.

Fall II: amerikanische Seglerin verdrehte sich ein Knie, konnte nicht mehr starten, da die Schmerzen zu groß waren – regelmäßiger Besuch beim Masseur (man. Lymphdrainage) – sie konnte schmerzfrei wieder nach Hause fliegen am Ende der WM. Sie war sehr dankbar, dass ich helfen konnte – den Heiratsantrag ihrerseits nach Abschluss der Behandlungen konnte ich aber nicht annehmen, meine Frau hätte da sicher was dagegen gehabt.

Fall III: deutsche Steuerfrau, vor dem Start zum Medail-Race kegelte sie sich den rechten Daumen aus; Sie wusste nicht, was zu tun sei, kam zu mir -  ich schickte sie zur Erste-Hilfe-Station, die fuhren mit Ihr in das nächstgelegene Krankenhaus und legten Ihr eine starre Schiene (nachdem im KH das Gelenk natürlich wieder eingerenkt wurde) an – damit konnte sie aber nicht segeln – in ihrer Verzweiflung fragte sie mich um Rat – ich nahm die Schiene ab und legte ihr einen Daumen-Tapeverband an – Start gerettet; am Ende der Rennen stand sie als Weltmeisterin fest – durch einen von einem österreichischen Sportmasseur angelegten Tapeverband wurde eine deutsche Mannschaft Weltmeister (die einzigen bei dieser WM).

2. Yngling-Segel-Weltmeisterschaften ( 29. 6. - 8. 7. 06 La Rochelle/Frankreich)

 Die meisten der dort startenden SeglerInnen (Damenklasse ist übringens olympisch) konnten ebenfalls mit einem Sportmasseur nichts anfangen.

Im Laufe und bis zum Ende dieses Wettkampfes hatte ich dann aber deutsche, schweizer, australische, amerikanische neben meiner (ursprünglichen) österreichischen und neuseeländischen Besatzungen zu betreuen.

Die österreichischen Teams teilten sich in 2 Gruppen: die erste war begeistert und dankbar, dass ein Masseur anwesend war, die zweite Gruppe lehnte mich offen ab, da „keine Verwendung“.

Die „Begeisterten“ wurden 8. und 9., die „Ablehnenden“ 24. und schlechter.

 

3. Basketballeuropameisterschaften Gruppe B der U-20 (männl.) (14.- 23. 7. 06 Lissabon/ Portugal)

 Die österr. Spieler (zum Großteil bundesligaerfahrene Spieler) waren es nicht gewohnt, dass ein Masseur beim Team war, bzw. waren es überhaupt nicht gewohnt, einen Masseur zur Verfügung zu haben. Einzig folgende 2 Spieler waren regelmässig bei mir: der Spieler, welchen ich von "meinem" Bundesligaverein schon kannte und ein Spieler, der als Leginär bei einem deutschen Reginalligaverein spielt.

 Von den übrigen dort antretenden Nationen hatte zum Großteil keine physiotherapeutische Betreuung bei sich.

Fall: Bei der einzigen schweren Verletzung in diesem Sommer aus österreichischer Sicht, wusste niemand – 2 Sanitäter, 1 Arzt und 1 (portugiesischer) Masseur oder Physiotherapeut (?), was zu tun sei,  ich übernahm das Kommando und erklärte, was zu tun sei (Eis auflegen, stützen, Bandagieren usw.). Mit diesem Spieler ins nächstgelegene Krankenhaus gefahren, eine spannende Sache Lissabon bei abendlichen Stossverkehr mit Blaulichtfahrt zu durchqueren, fragte mich die dort anwesende Ärztin, was der Spieler habe, welche Verletzung. Interessant war die Verständigung in diesem Spital: keine Dolemetscherin zur Hand, da sie das Krankenhaus nicht betreten durte (ein Patient/eine Begleitung). Meine Kenntnisse in der Landessprache hielten sich in engen Grenzen, das Englisch der behandelnden Ärztin ebenso – einziger Ausweg: die lateinischen Begriffe! Mit diesen wurde eine Konversation geführt.

Diesen Spieler behandelte ich nach der vorläufigen Diagnose (Kreuzbandriss) beinahe die ganze Nacht durch mit manueller Lymphdrainage, damit er den Flug zurück nach Hause am nächsten Tag halbwegs gut überstehen konnte, 2 Tage nach der Verletzung wurde er in Österreich erfolgreich operiert - die Reaktion des Heimklubs dieses Spielers war interessant und empörend zugleich - mir wurde eine Anzeige angedroht.

 Bei einem ähnlich gelegenen Fall in einer anderen Mannschaft dauerte es lange Minuten, bis irgendwer eingriff, um diesem Spieler zu helfen, ratlose Gesichter bei den Coaches – keinermachte das Notwendigste (Eis!) und lange sah es danach aus, als ob nichts anderes geschehen würde ausser ein tröstendes Wort der Mitspieler.

 

 4. Basketballeuropameisterschaft Gruppe B der U-18 (männl.) (28. 7. –8. 8.06 Sibiu/ Rumänien)

Gleiches Bild wie oben – die österreichischen Spieler wussten nicht, was ein Sportmasseur zu tun hatte. Im Laufe der Zeit konnte ich aber soviel Vertrauen aufbauen, dass die Spieler schon freiwillig und ohne Aufforderung zu mir kamen, um sich bei kleineren Blessuren behandeln zu lassen.

Bei den meisten Nationen das gleiche Bild wie in Lissabon – kein Masseur, Physiotherapeut oder Arzt anwesend – bei Verletzungen kamen meistens nur tröstende Worte vom Trainer.

 Bei der rumänischen Mannschaft wurde vor den Spielen (deutlich riechbar) das nach Spiritus riechende Zeug namens „Traforil“ auf alle Spielerbeine geschmiert. Das wars auch schon was unter „vorbereitende Massnahmen vor der sportlichen Leistung“ lief.

5. Basketball-4-Nationen-Turnier als Abschluss der EM-Qualifikationsvorbereitung

(25. – 29. 8. 06 Dublin/Irland)

 4 Mannschaften (A-Nationalteams – Irland, Norwegen, Island, Österreich) – ein Masseur dabei. Spannend, wie ich dazu kam – alles sehr, sehr improvisiert.

Als Lohn – eine ganz, ganz tolle Unterkunft, wunderbare Organisation seitens der Iren - und, wie immer bei solchen Schnelleinsätzen, zuerst Misstrauen der Spieler abbauen, welche sich im Laufe der Zeit (da vor diesem Turnier ein Trainingslager in Klosterneuburg war, konnte man mit vertrauensbildenden Massnahmen schon recht bald beginnen) legte.

Als Resumee: Toller Sommer, tolle Einsätze, wunderbare Wettkämpfe an herrlichen Orten. Aber eine kleine Träne bleibt - keine Planung, schlechte Organisation. man beginnt seine  Arbeit immer mit einem mehr oder weniger grossen Vorschuss an Misstauen, da sie nicht gewohnt sind, mit Masseuren (bzw. Physiotherapeuten) zusammenzuarbeiten.

 

 - Nachtrag: dieses Resumee bezieht sich auf das Jahr 2006 - also schon länger her - daher kann ich nicht sagen, ob und inwieweit sich diese Dinge zum Besserren gewendet haben. (Was ich sehr stark hoffe und wünsche!)