18. Mrz, 2017

Krankheitsbild: Das Lipödem

Das Lipödem ist eine krankhafte Fettverteilungsstörung bisher noch nicht geklärter Ursache, die bei Frauen symmetrisch an beiden Beinen, teilweise zusätzlich auch an den Armen auftritt.

Das Lipödem betrifft ausnahmslos Frauen und tritt nie vor der Pubertät auf.

es kann auch im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft, den Wechseljahren oder einer gynäkologischen Operation auftreten bzw. sich verschlimmern. Aus diesen Gründen wird eine hormonelle

Ursache dieser Krankheit vermutet.

Es wurde jedoch auch von Fällen berichtet, in denen ein Lipödem nach einer Vollnarkose oder einer schweren Stress-Situation (Tod eines geliebten Menschen, Scheidung, schwerer Schock etc.) auftrat. Dann wird oft schnell ein Kummerspeck „diagnostiziert“, den sich die arme Frau angefuttert hat. Oft kann eine familiäre Häufung des Lipödems festgestellt werden, es kann aber auch „spontan“,

also ohne ein in der Familie bisher beobachtetes Vorkommen, auftreten. Und – darauf weisen wir mit Nachdruck hin – magere Frauen können ebenso ein Lipödem bekommen wie extrem fettleibige!

Das Lipödem hat eine Neigung zur Verschlimmerung. Diese „Progredienz“ ist aber individuell stark unterschiedlich und im Einzelfall nicht vorhersagbar. In Abhängigkeit von der Ausprägung unterscheiden wir drei Stadien des Lipödems:

Stadium I:

sichtbare Tendenz zur „Reithosen“-Form, die Haut ist glatt und gleichmäßig, wird sie (zusammen mit dem Unterhautgewebe!) zusammengeschoben (Pinch-Test), zeigt sich eine Orangenhaut“-Textur, das Unterhautgewebe fühlt sich verdickt und weich an, teilweise (besonders innen an Oberschenkeln und

Knien) sind „styroporkügelchenartike“ Strukturen tastbar.

Stadium II:

ausgeprägte „Reithosen“-Form, grobknotige Hautoberfläche mit großen Dellen und walnuss- bis apfelgroßen Knoten („Matratzenhaut“), das Unterhautgewebe ist verdickt aber noch weich.

Stadium III:

Unterhautgewebe stark verdickt und verhärtet, grobe, deformierende Fettlappen an den Innenseiten der Oberschenkel und der Kniegelenke (Scheuer-Wunden!), teilweise über die Knöchel herunterhängende Fettwülste, X-Beinstellung (dauerhaft hohe Fehlbelastung der Gelenke!).

Die Diagnose des Lipödems

erfolgt grundsätzlich durch Erhebung der Krankheitsgeschichte (Anamnese), Anschauen (Inspektion) und Abtasten (Palpation). Typische Kennzeichen des Lipödems:

es tritt immer symmetrisch an beiden Beinen auf.

In etwa einem Drittel der Fälle sind zusätzlich die Arme betroffen. Dann ähnelt die Fettverteilung dort der an den Beinen.

Niemals sind die Füße bzw. die Hände betroffen. Das vermehrte Fettgewebe erstreckt äußerstenfalls bis zu den Knöcheln bzw. Handgelenken.

Spontane („grundlose“) Schmerzen in Form eines dumpfen Schwellungsgefühls, Berührungs- und Druckschmerzhaftigkeit an Ober- und Unterschenkeln. Diese Beschwerden verschlimmern sichmeist mit zunehmender Flüssigkeitseinlagerung im Lauf des Tages.

Ausgeprägte Neigung zu hämatomen („blaue Flecken“, Blutergüsse) schon bei geringen Stößen oder Druckbelastung aufgrund einer erhöhten Brüchigkeit der Haargefäße („Kapillarfragilität“).

Flüssigkeitseinlagerungen („orthostatische Ödeme“) im Fettgewebe in der zweiten Tageshälfte, insbesondere bei warmem Wetter und nach langem Stehen oder Sitzen.

Die Menge des Fettgewebes im Lipödem kann weder durch Diät noch Sport reduziert werden (Diät-Resistenz). Selbst extreme Abmagerungskuren, die Oberkörper und Gesicht ausgemergelt und

knochig wirken lassen, führen zu keinerlei Abnahme des Lipödems.

Gesäß und Beine wirken gegenüber dem Oberkörper unproportioniert. Das gilt unabhängig davon, ob die

Patientin schlank oder übergewichtig ist! In jedem Fall ist der Umfang der Hüfte mindestens 1,4-mal größer als der Taillenumfang („Waist-to-hip-ratio“ oder „Taille-Hüft-Verhältnis“ ist kleiner als 0,7).

ein (vorsichtiger!) Kneiftest (pinch-Test) im Bereich des Lipödems verursacht Schmerzen, nicht dagegen am Bauch oder Rücken.

Die Schmerzhaftigkeit des Lipödems hängt nicht von der Ausprägung des Fettgewebes sondern der Flüssigkeitseinlagerung ab. Auch relativ „dünne“ Lipödeme können extreme Schmerzen verursachen!

Die Haut im Bereich des Lipödems fühlt sich im Vergleich zur Haut am Bauch oder am Rücken knotig an.

Bei schlanken, sportlichen Frauen, deren Muskeln sich am Rumpf (insbesondere am Rücken) deutlich abzeichnen, ist die Muskulatur im Bereich des Lipödems durch Fettgewebe „verstrichen“ (nicht sichtbar).

Das Lipödem ist von weicher Konsistenz (Ausnahme Stadium III), ein Druck mit dem Daumen hinterlässt keine Eindellung.

Die Oberschenkel fühlen sich kalt an.Das ist insbesondere bei der Unterscheidung zwischen dem Lipödem und der Extremitäten-Lipohypertrophie von Bedeutung. Letztere sieht wegen der Symmetrie der Fettverteilung dem Lipödem sehr ähnlich und es liegt auch eine gewisse Hämatom-Neigung, nicht

jedoch die Schmerzhaftigkeit vor. Deshalb ist sie im Gegensatz zum Lipödem keine Erkrankung sondern eine Variante der Körperform. Es wird allerdings vermutet, dass sich im Laufe der Zeit aus einer Extremitäten-Lipohypertrophie ein Lipödem entwickeln kann.

Bei der Diagnose des Lipödems muss der Arzt dieses von ähnlichen Befunden abgrenzen (Differenzialdiagnose, abgekürzt DD). Neben der extremitäten-Lipohypertrophie wären hier vor allem zu nennen:

periphere (gynoide) Adipositas („Birnentyp“).

benigne symmetrische Lipomatose (madelung-Syndrom, Launois-Bensaude-Syndrom).

morbus Dercum (Lipomatosis dolorosa),

Die Abgrenzung zum Lipödem ist jedoch schwierig. Ödeme aufgrund anderer Ursachen (Phlebödeme etc.).

In der Praxis wird häufig beobachtet, dass das Lipödem mit dem Lymphödem verwechselt wird. Da letzteres jedoch so gut wie nie symmetrisch auftritt, ist diese Verwechslung nicht nachvollziehbar.